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Textprobe:
Kapitel 4.5, Partizipativer Journalismus - Zusammenarbeit und Konversation:
Die Zusammenarbeit zwischen Journalisten und Publikum, die durch das Internet in früher nicht realisierbaren Dimensionen und Geschwindigkeiten möglich wird, ist für viele Journalisten in den englisch sprachigen Ländern aber auch in aufstrebenden asiatischen Staaten wie Süd-Korea und in Industrienationen wie Japan die zukunftsweisende Redaktionsstruktur. Dieses Phänomen wird zusammenfassend als "citizen journalism", also Bürgerjournalismus oder auch als "participatory journalism" bezeichnet. Bowman und Willis beschreiben es so:
"The act of a citizen or group of citizens, playing an active role in the process of collecting, reporting, analysing and disseminating news and information. The intent of this participation is to provide independent, reliable, accurate, wide-ranging and relevant information that a democracy requires.".
Die Frage ist, wie sich partizipativer Journalismus organisiert und welche Redaktionsstrukturen sich gegenüber anderen als überlegen erweisen, oder ob es für verschiedene Themen- und Aufgabenfelder verschiedene Ansätze gibt, die sich als angemessen erweisen. Die Ansichten, wie partizipativer Journalismus zu organisieren sei, gehen bei Wissenschaftlern und Journalisten auseinander.
Jay Rosen, Journalistik Professor an der New York University, sieht in der Zusammenarbeit von professionellen Journalisten und Amateur-Journalisten, die er »pro-am-journalism« genannt hat, die vielversprechendste Form des partizipativen Journalismus. Die Stärken einer professionellen Redaktion sieht er in den zuverlässigen Kontrollen, die durch die Geschlossenheit des Systems möglich ist. Diese Geschlossenheit ist aber auch von Nachteil, weil die Redaktion nur so viel weiß wie ihre Redakteure. Rosen bestätigt, dass dieser Fakt noch kein Nachteil war solange das Publikum durch das Internet nicht seine informellen Stärken erkannt hat. Jetzt kann die Zusammenarbeit mit dem Publikum aber neues Wissen, neue Perspektiven und neue Kontrollmechanismen hervorbringen.
Was die Definition von partizipativem Journalismus angeht, sind Bowman und Willis anderer Meinung. Sie bestehen auf wenig oder überhaupt keiner editoriellen Aufsicht durch professionelle Journalisten, da partizipativer Journalismus keine klassisch ausgebildeten Journalisten benötigen würde. Als Beispiel für ihre These nennen sie Weblogs, Foren und Online Communities, die auch ohne Aufsicht effektiv funktionieren. Sie sind der Meinung, die Veröffentlichung ist das Wichtigste und geben die Aufgabe der redaktionellen Bearbeitung und Auswahl von Informationen und Meinungen vollkommen in die Hände der Internetnutzer. Partizipativer Journalismus wird dennoch nicht als Ablösung des professionellen Journalismus verstanden, sondern ist eine Ergänzung des Systems wie im Abschnitt 3.4 beschrieben wurde.
Die Zusammenarbeit von professionellen Journalisten mit Bürgern nimmt ungeachtet dessen im neuen Mediensystem einen immer größeren Raum ein. Der amerikanische Technikjournalist, Autor und Gründer der "Grassroots Media Inc." Dan Gillmor ist überzeugt davon, dass seine Leser ihm bei seiner Recherche und auch bei der Ausarbeitung eines Artikels unterstützen können. In seinem Buch "We the Media" schreibt er:
"It boils down to something simple: readers (or viewers or listeners) collectively know more than media professionals do. This is true by definition: they are many, and we are often just one. We need to recognize and, in the best sense of the word, use their knowledge. If we don’t, our former audience will bolt when they realize they don’t have to settle for half-baked coverage; they can come into the kitchen themselves.".
Diese Zusammenarbeit beschreibt er als "grassroots journalism", der übersetzt soviel bedeutet wie Graswurzeljournalismus. Gemeint sind damit vor allem Augenzeugen, die aus erster Hand von einem Ereignis berichten. Diese Beiträge sind also sehr subjektiv und unmittelbar, können aber je nach den Fähigkeiten des Schreibers sehr anschaulich und lebendig sein. Veröffentlicht werden sie entweder als "personal publishing" in Weblogs, oder auf kollaborativen Nachrichtenseiten. Es ist aber auch möglich, dass sie als E-Mail an eine Redaktion geschickt und dann durch die Massenmedien veröffentlicht werden. Unter Graswurzeljournalismus können nicht nur mithilfe bei Recherche und Korrektur sondern die Zusendung von Inhalten wie Fotos, Videos und Audiodaten zu verstehen sein, die Augenzeugen erstellt haben.
Gillmor schreibt weiterhin über die zukünftigen Medien:
"If we’re both smart and lucky, future media will be an ecosystem that is vastly richer and more diverse than we have today. It will become a multidirectional conversation, enriching civic dialogue at the local, national and international levels.".
Ein Beispiel für den Umfang und die Geschwindigkeit, in der solche Berichte die Medien erreichen, sind die Daten, die nach den Londoner Bombenanschlägen vom 7. Juli 2005 die Redaktion des britischen Fernsehsenders BBC erreichten. Dabei wird deutlich, dass die digitalen Aufnahmegeräte, allen voran das Mobiltelefon durch ihre Verbreitung und die Möglichkeit der schnellen Datenübermittlung die Berichterstattung schon jetzt nachhaltig verändert haben.
Richard Sambrook, der Direktor des "BBC World Service and Global News division" beschreibt die Flut an Einsendungen durch die Öffentlichkeit bei diesem Ereignis. Nach sechs Stunden nach den Bombenanschlägen hatte die BBC 1.000 Bilddateien, 20 Amateurvideos, 4.000 Textnachrichten und 20.000 E-Mails erhalten. Die Teilnahme der Zuschauer an der Berichterstattung war nie zuvor so hoch gewesen.
Sambrook fasst die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit von Bürgern und professionellen Journalisten und die Konsequenzen, die er aus ihr zieht, so zusammen:
"Our reporting on this story was a genuine collaboration, enabled by consumer technology - the camera phone in particular - and supported by trust between broadcaster and audience. And the result was transformational in its impact: We know now that when major events occur, the public can offer us as much new information as we are able to broadcast to them. From now on, news coverage is a partnership.".
Weiterhin beschreibt er die Rolle des Journalisten in der Zukunft so:
"The journalists’ role is now to concentrate harder on how, when and where we can add value through our strengths of analysis, context, background and range. But as we do this we must be open to what members of the public bring to our attention. And as long as what they do bring is clearly labeled and attributed, I see no inherent problem with sharing it widely. When handled properly, it adds value and improves quality.".
Die Aktivität der Internetnutzer in partizipativen Medien wird stark von tragischen Ereignissen mit weitreichenden Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben beeinflusst. So haben viele US-Blogger nach den Anschlägen auf das Word Trade Center am 11. September 2001 mit dem Schreiben begonnen, weil sie nach eigener Aussage erst zu diesem Zeitpunkt das Gefühl hatten, sie hätten etwas mitzuteilen. Die sogenannten "War-Blogs" haben den partizipativen Journalismus für eine breite Nutzerschicht geöffnet. Vorher waren es vor allem die sogenannten "Early Adopters", also junge, gut ausgebildete Anwender mit hoher Medienkompetenz und guter Kenntnis von Technologie, die in Weblogs und kollaborativen Plattformen wie Slashdot.com fachspezifische Beiträge verfassten und auch Diskussionen führten. Partizipative Medien einem breiten Anwenderkreis zugänglich zu machen, ist erst durch die großen Ereignisse zu Beginn dieses Jahrhunderts Realität geworden.
Die Internetnutzer übernehmen also in zunehmenden Maße die Aufgabe digitales Bild-, Foto- und Videomaterial über das Internet an Medieninstitutionen zu schicken, oder selbst auf Internetplattformen oder dem eigenen Internetauftritt zu veröffentlichen. Sie recherchieren im Auftrag von Redakteuren für Beiträge, führen Interviews und kommentieren die Aussagen von Persönlichkeiten des öffentlichen Interesses und verfassen Beiträge als Experten auf einem Fachgebiet. Die Kenntnisse auf einem Fachgebiet können dabei ein Vorteil gegenüber professionellen Journalisten sein, die über ein breites Themenspektrum berichten müssen. Diese Arbeiten werden als journalistische Tätigkeiten eingestuft, wonach auch Internetnutzer, die diese Tätigkeiten ausüben als Journalisten bezeichnet werden können. Jan Schaffer gibt in diesem Zusammenhang zu bedenken, dass die Bürger nicht unbedingt darauf Wert legen als Bürgerjournalisten bezeichnet zu werden. Sie können sich im Gegenteil von diesem Begriff eher eingeschüchtert fühlen und so bezeichnet er sie in seinem Aufsatz "Citizen Media: Has It Reached a Tipping Point?" als "contributers", da sie Material zur Berichterstattung beitragen.
Ein Hauptunterschied zwischen traditionellen Massenmedien und den Bloggern und Bürgerjournalisten ist, dass anstelle der neutralen Berichterstattung nun häufig Erfahrungsberichte zu lesen sind, die eine lebendige Sprache vereinen mit einem subjektiven Standpunkt. Ganz deutlich wird dieser Standpunkt in den Weblogs, die oft die Berichte der etablierten Medien und diese selbst kritisieren und dabei ihre subjektive Haltung darlegen. Die Normen der professionellen Journalisten werden demnach nicht von allen Nutzern partizipativer Medien akzeptiert und angewandt. Auch die Auswahl der Themen kann oft nicht als relevant für die Nachrichtenberichterstattung angesehen werden. Da diese neuen Medien sich aber nicht zwangsläufig an ein breites, homogenes Publikum richten, sondern eher ein Nischenpublikum bedienen, ist bei den vorhandenen sogenannten "Nano-Zielgruppen" die Themenauswahl nach Reichweite nicht unbedingt notwendig.
Dabei ist zu betonen, dass partizipativer Journalismus nicht als Äquivalent zu professionellem Journalismus zu sehen ist, sondern eine Ergänzung dazu darstellt. Die Bloggerin und Autorin Rebecca Blood hat die Definition als Journalist von den Tätigkeiten der entsprechenden Person abhängig gemacht:
"When a blogger writes up daily accounts of an international conference (...), that is journalism. When a magazine reporter repurposes a press without checking the facts or talking to additional sources, that is not. When a blogger interviews an author about their new book, that is journalism. When an opinion columnist manipulates facts in order to create a false impression, that is not. When a blogger searches the existing record of facts and discovers that a public figure’s claim is untrue, that is journalism. When a reporter repeats a politicians’s assertions without verifying whether they are true, that is not.".
Die Beiträge von Bürgerjournalisten werden in den meisten Fällen redaktionell bearbeitet, und den Bürgerjournalisten stehen Anleitungen zur Verfügung, die ihnen helfen Artikel zu strukturieren und journalistisch zu arbeiten. Oft werden die bestehenden journalistischen Normen auch auf partizipative Medien übertragen. So hat das "Center for Citizen Media" eine Liste mit den Prinzipien der Bürgermedien aufgestellt, zu denen Sorgfalt, Vollständigkeit, Ausgeglichenheit, Unabhängigkeit und Transparenz gezählt werden.
Die Transparenz als Prinzip wird zwar auch von Kovach und Rosenstiel gefordert, um das Vertrauen des Publikums wieder zu gewinnen, in der professionellen journalistischen Praxis ist es jedoch noch nicht weitverbreitet. In partizipative Medien wird Transparenz jedoch eine hohe Relevanz zugesprochen. So hat eine Produktmanagerin von Technorati namens Mary Hodder einzelne Blogger aufgrund von Fähigkeiten und Prinzipien, die sie anwenden und die bei den traditionellen Medien nicht selbstverständlich sind, als glaubwürdig bezeichnet. Das Prinzip der Transparenz umfasst dabei die Offenlegung der Motive und der subjektiven Einstellung der Autoren. Hierbei ist auch die Identität des Autors von Belang. Sie sollte nur in Ausnahmefällen wie der Verfolgung von Dissidenten in einigen Staaten verschleiert werden. Die Offenlegung von Quellen, auf die Autoren verweisen ist ebenfalls ein wichtiger Schritt zu Glaubwürdigkeit, den die traditionellen Medienmarken auch im Internet oft vermeiden. Ein weiteres Prinzip ist die Aufrichtigkeit im Umgang mit Falschmeldungen. Diese sollten im Nachhinein korrigiert werden und es sollte auch darauf hingewiesen werden, dass es sich um eine geänderte Version handelt. In der Blogosphäre sind diese Prinzipien unter den Bloggern verbreitet, die sich um Glaubwürdigkeit bemühen.
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